55 Jahre stark für Mütter und Frauen
Gemeinsam mit vielen alten und neuen Wegbegleiter*innen konnten wir bei unserem Fachtag am 9. Mai auf 55 Jahre erfolgreiche Arbeit für gesundheitlich belastete Mütter und seit mehr als 10 Jahren auch für Väter und pflegende Angehörige zurückblicken. Nach dem Grußwort der Vorsitzenden des Kuratoriums des Müttergenesungswerks Svenja Stadler führte Moderatorin Sarah Zöllner durch das abwechslungsreiche Programm. Auf dem Podium diskutierten die langjährige Geschäftsführerin des Müttergenesungswerk, Anne Schilling, die aktuelle Geschäftsführung Rebekka Rupprecht, die Leiterin der Mutter-Kind-Klinik Haus Daheim in Bad Harzburg, Antje Krause und die ehemalige Vorständin der Diakonie Deutschland, Maria Loheide, vergangene und gegenwärtige Herausforderungen. Die Müttergenesung ist ein absolut unverzichtbares Angebot in einer Gesellschaft, in der Mütter und Frauen immer noch den größten Teil der unbezahlten Sorgearbeit in den Familien leisten und zudem oft auch noch berufstätig sind. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Stabilität der Familien und benötigt dringend eine auskömmliche Finanzierung für den Erhalt und den Ausbau von Maßnahmeplätzen.
55 Jahre Tradition bedeutet keineswegs stehen zu bleiben, im Gegenteil, der Fachverband schaute auch nach vorne und auf eine nötige Weitung des Blicks, um auf sich verändernde Bedarfe einzugehen. Zur kreativen Unterstützung des Perspektivwechsels konnten sich die Teilnehmer*innen bunte Brillen aufsetzen und mit ihren Nachbar*innen ins Gespräch gehen.
Die Autorin und Genderforscherin Dr. Franziska Schutzbach nahm das Publikum auf eine spannende Reise in die gesellschaftlich geprägte Mutterrolle mit, die eine der Ursachen für die große Erschöpfung von Müttern und Frauen ist. Ihr Plädoyer dafür, Sorgearbeit ins Zentrum der Gesellschaft zu stellen, sie als gleichwerten Anteil an der Wirtschaft wie Produktion und Lohnarbeit zu betrachten und dementsprechend gerecht auf alle Geschlechter zu verteilen, traf auf große Zustimmung.
Dr. Gwladys Awo, Gründerin des Vereins LESSAN e.V. in Hamburg, der sich die Überwindung von weiblicher Genitalbeschneidung, geschlechtsspezifischer Gewalt und Rassismus einsetzt, lenkte den Blick auf Mütter/Frauen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte. Sie haben aufgrund von Sprachbarrieren und auch von rassistischen Strukturen in unserer Gesellschaft einen schlechteren Zugang zu Gesundheitsangeboten. Sie sind auch in den Mutter-Kind-Maßnahmen unterrepräsentiert. Dr. Awo stellt auch Praxisprojekte vor, die sich gezielt an Frauen in ihren migrantischen communities richten und ihre Bedarfe berücksichtigen.
In vier parallelen Workshops wurden einzelne Themen in intensiver Arbeitsatmosphäre und mit viel Spaß an der Sache vertieft. Es ging um die Vielfalt von Muttersein, um die Überwindung von Rollenklischees (mit der Mütterinitiative Millie&Me), um Unterstützung der Arbeit mit Müttern durch digitale Formate und um die Stärkung von alleinerziehenden Müttern (mit der Stiftung Alltagsheldinnen). Die vielen guten Impulse wurden gesammelt und für die zukünftige Arbeit dokumentiert.
Zwischendurch konnten sich die Teilnehmer*innen am Buffet stärken, die Sonne genießen, am Büchertische stöbern oder caps und T-Shirts der Kampagne „100.000 Mütter vor dem Brandenburger Tor“ erwerben. Die Kampagne war u.A. vom Evangelischen Fachverband für Frauengesundheit mit ins Leben gerufen worden und hatte ihren Höhepunkt am 10. Mai mit einer großen Demonstration mitten im Herzen Berlins. Der Fachtag war ein gelungener Auftakt für den Tag danach: Am 10. Mai wurde die Forderung nach Aufwertung von unbezahlter Sorgearbeit und zur gerechten Verteilung laut und kraftvoll auf die Straße gebracht.
Irene Pabst, Geschäftsführerin EVA
Fotos: Marga van den Meydenberg